2013_06_16 Gottesdienst BW-3 (2)

Anmerkungen eines Seelsorgers und Staatsbürgers

aus der Kirche von

Ich danke dem Darmstädter Signal für die Einladung, aus meiner Sicht und Erfahrung als Militärseelsorger zum Weißbuch 2016 einen Diskussionsbeitrag zu liefern. Dieser Text gibt meine persönliche Meinung, nicht die Position der Evangelischen Militärseelsorge als Institution wieder.

Das Weißbuch behandelt primär sicherheitspolitische Richtlinien. Ich fokussiere mich hier auf Fragen des inneren Gefüges der Bundeswehr, wie ich sie als Seelsorger wahrnehme; bin ich doch der Überzeugung, die innere Verfassung unserer Armee ist insofern ein sicherheits- und friedenspolitischer Faktor, als sich mündige Soldaten nicht widerspruchslos in jeden Einsatz schicken lassen und sich daraus ein „eingebautes“ Korrektiv gegen mancherorts befürchtete militaristische Wucherungen der Sicherheitspolitik ergibt.

So haben es die Väter der Inneren Führung vor über 60 Jahren ausdrücklich gewollt. Andererseits setze ich – wie schon Wolf Graf Baudissin – darauf, dass ein von seinem Auftrag überzeugter Soldat letztlich „stärker“ und durchhaltefähiger ist als ein bloßer Befehlsausführer. Zudem darf keinem Bürger gleichgültig sein, in welcher inneren Verfassung jene Menschen sind, die Einsatzentscheidungen des Parlaments umsetzen; eine Armee, die so schlecht geführt wäre, dass Soldaten reihenweise mit seelischen Beschädigungen dienstunfähig würden, stellte fraglos ein Sicherheitsrisiko dar.

Friedenspolitisch bedarf es einer mehrheitlich getragenen Position

Dr. Klaus Beckmann

So möchte ich die Aussage des evangelischen Militärbischofs: „Die Frage nach der zukünftigen Rolle Deutschlands in der Welt muss vor allem mit den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes diskutiert werden. Friedenspolitisch bedarf es einer mehrheitlich getragenen Position zu den Zielen, Prioritäten und Instrumenten, mit denen sich Deutschland in Zukunft international engagieren will“[1] einerseits unterstreichen, sie andererseits aber betont auf die „Staatsbürger in Uniform“ beziehen, auf diejenigen, die existenziell für die Umsetzung parlamentarischer Entscheidungen einstehen.

 

1. Führungskultur und Fehlermanagement als Kardinalproblem der Bundeswehr

MEMOLRIAL-1 (3)

Wünschenswert ist eine Führungskultur, die die Soldatinnen und Soldaten innerlich – aus Überzeugung – an den Auftrag der Bundeswehr bindet. Dem stehen demotivierende Erfahrungen der Soldaten im Dienstalltag entgegen, mit denen ich als Seelsorger häufig konfrontiert werde.

  • Verbreitet ist die Tendenz zum Verschweigen evidenter Missstände, zu vorauseilendem Gehorsam und zur Überbeanspruchung unterstellter Soldaten, um strukturelle Defizite (nicht nur temporär!) zu überbrücken.
  • Unzureichendes Fehler- und Kritikmanagement ist nach Meinung vieler Soldaten der Schlüssel zu Ausstattungs- und Ausbildungsproblemen.
  • Bei Führungskräften verschiedener Ebenen herrscht zuweilen die Sorge um Beurteilung und Karriere, wenn der eigene Bereich nicht „sauber“ aussieht.
  • Nicht wenige Soldaten – unter ihnen viele, die anfänglich hoch motiviert waren – haben die „innere Kündigung“ vollzogen.
  • Dies vereitelt die sachliche Abhilfe und stellt Defizite „auf Dauer“, vermehrt somit auch Frustrationen.

Als Lösung bietet sich an:

  • Überprüfung der Beurteilungspraxis mit dem Ziel, konstruktive Kritik und persönliche Verantwortlichkeit zu fördern
  • Verstärkte Reflexion, was „Loyalität“ bedeutet, in der soldatischen Erziehung (im Unterschied zu „Servilität“)
  • Ausprägung einer durch Transparenz ausgezeichneten partizipativen Führungskultur

2. Defizite in Politischer Bildung und Vermittlung der Inneren Führung

Unteroffiziere, mehr noch Mannschaftssoldaten, beklagen häufig die unzureichende Information über Voraussetzungen, Hintergründe und Ziele von Auslandseinsätzen. Moniert werden fehlende Gelegenheiten zu kritischer Meinungsbildung. Obwohl auf dem Papier unerlässliches Moment der Inneren Führung, findet Politische Bildung für die „unteren“ Dienstgradgruppen nicht immer genügend Raum im Dienstalltag. Meine Erfahrung aus Seelsorge und Lebenskundlichem Unterricht widerspricht der verschiedentlich geäußerten Behauptung, einsatzgeprägte Soldaten verstünden sich zunehmend als reine „Kämpfer“ und wollten gar nicht politisch und ethisch partizipieren. Im Gegenteil: Gerade in Gesprächen mit gefechtserfahrenen Soldaten wird häufig der Wunsch nach Diskussion und Reflexion sowie nach kontinuierlicher Begleitung geäußert. Hier haben Vorgesetzte, die Institution Bundeswehr und die Gesellschaft insgesamt eine Bringschuld an jenen, die Beschlüsse des Parlaments unter hohem persönlichen Risiko umsetzen.

Hervorzuheben ist, dass die Bundeswehr die in Deutschland singuläre Verpflichtung hat, als Institution ihre Angehörigen kontinuierlich staatsbürgerlich zu unterrichten. Das verdient Anerkennung und Pflege im Alltag.

Anzustreben ist:

  • Förderung einer analytisch-kritischen Diskussionskultur zu Fragen der Einsatzgründe und -ziele, um der Ausbreitung von Schwarz-weiß-Sichtweisen und Verschwörungstheorien vorzubeugen. Das Fördern eigenständigen Denkens immunisiert gegen extremistische Tendenzen. Die Pflege einer kritischen Diskussionskultur muss Vorrang haben vor Repressalien gegen identifizierte Extremisten.
  • Die Qualität der Politischen Bildung in der Truppe sollte durch konsequente Dienstaufsicht verbessert werden.
  • „Untere“ Dienstgradgruppen sind an ihre inhaltlichen Mitgestaltungsmöglichkeiten bei der Politischen Bildung und an ihre Beteiligungspflicht zu erinnern.
  • Intensive und werbende Vermittlung der Inneren Führung innerhalb der Truppe, bei allen Dienstgradgruppen (der verbreitete Vorwand: „Die Innere Führung ist weitgehend unbekannt, folglich taugt sie nichts“ fordert zu offensiver Entgegnung heraus!)
  • Jedes Verhalten von Vorgesetzten, das die Innere Führung verunglimpft und demokratiekonforme Haltungen im Dienstalltag beschädigt, ist zu ächten und zu ahnden.
  • Wünschenswert ist auch eine Berücksichtigung der Inneren Führung in der Nachwuchswerbung; politisch interessierte junge Menschen sollten auf eine Führungskonzeption ansprechbar sein, die eine bedeutende Konsequenz aus den Erfahrungen der NS-Zeit darstellt. Die Werbung könnte dem Motto folgen: „Wir leben im Innern das Menschenbild, das wir weltweit verteidigen!“ Gerade die dadurch zu erreichende Klientel fehlt in der Bundeswehr.

3. Diskussion um „Professionalisierung statt Politisierung“

Auffällig ist, dass die Forderung nach soldatischer „Professionalisierung“, wie sie u. a. der umstrittene Sammelband „Armee im Aufbruch“ (2014) enthält, auf hoher militärischer und politischer Ebene kaum energischen Widerspruch erfährt. Dabei ist diese Forderung entschieden gegen den bürgerschaftlich-partizipativen Charakter der Inneren Führung gerichtet.

  • Die Forderung nach apolitischer „Professionalität“ bildet einen Wegweiser in die „innere Emigration“ der Soldaten; sie verstärkt die Tendenz zur gesellschaftlichen Isolation der Bundeswehr, nachdem seit Wegfall der Wehrpflicht ohnehin die soziale Kontrolle unserer Armee schwindet.
  • Zu entgegnen ist der Unterstellung, das Fehlen ethischer und politischer Reflexion mache den Soldaten „kampfstärker“ und „professioneller“. Die Aufrechterhaltung eines archaisch-„männlichen“ Kämpferbildes ist vielmehr mit ursächlich für seelische Einsatzbeschädigungen.
  • Die Sorge steht im Raum, eine politisch und ethisch unkritische, innerlich verödete Armee, die sich „pflegeleicht“ in jeden Einsatz schicken ließe, sei „höheren Orts“ durchaus willkommen. Diese Überlegung wird durch nachdenkliche Soldaten in Gesprächen wiederholt geäußert.

Die Politik hat der Versuchung zu widerstehen, eine Söldnertruppe entstehen zu lassen, die widerspruchslos überall verwendbar ist. Die Bundeswehr muss an gesellschaftlichen Debatten teilhaben, um Bürgerarmee zu bleiben und nicht zum „Staat im Staate“ zu werden.

 

Lektüre-Empfehlung:

 

beckmann_buch_cover_3Klaus Beckmann,

Treue.Bürgermut.Ungehorsam.

Anstöße zur Führungskultur und zum beruflichen Selbstverständnis in der Bundeswehr,

Miles-Verlag, Berlin 2015, 100 Seiten.

[1] Dr. Sigurd Rink am 14. 10. 2015, zitiert nach: Material zur Kommunikation Weißbuch 2016, hg. vom BMVg, Projektgruppe Weißbuch 2016, Stand 17. 12. 2015, S. 29.

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